Die Miyawaki-Methode

Für die Bepflanzung der Flächen orientieren wir uns an der Miyawaki-Methode. Sie ist eine der effizientesten Aufforstungsmethoden und kann auch auf sehr kleinen Pflanzflächen eingesetzt werden.

Kleine Wälder mit großer Wirkung

Bei der Pflanzung unserer Miniwälder orientieren wir uns an der Miyawaki-Methode. Ihr Ansatz ist ebenso einfach wie genial: Statt einzelne Bäume mit großen Abständen zu pflanzen, entsteht von Anfang an eine vielfältige Gemeinschaft aus heimischen Bäumen und Sträuchern. Durch eine sorgfältige Auswahl der Arten, eine gute Vorbereitung des Bodens und eine besonders dichte Pflanzung entstehen auf vergleichsweise kleinen Flächen innerhalb weniger Jahre junge, strukturreiche Wälder. Dabei geht es nicht darum, der Natur einen fertigen Wald vorzuschreiben. Wir versuchen vielmehr, möglichst gute Ausgangsbedingungen zu schaffen – und überlassen anschließend der Natur selbst wie der Miniwald aussehen soll.

Miniwald nach der Miyawaki-Methode in Erfurt

Das Prinzip der Miyawaki-Methode

Im Kern verbindet die Miyawaki-Methode zwei Dinge: möglichst gute Wachstumsbedingungen und das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher, standorttypischer Gehölze.

Für uns lässt sich die Methode auf vier zentrale Fragen herunterbrechen.

1. Was braucht der Boden?

Jeder Wald beginnt im Boden.

Deshalb schauen wir uns vor einer Pflanzung zunächst an, welche Bedingungen die Pflanzen vorfinden. Ist der Boden stark verdichtet? Kann er genügend Wasser speichern? Fehlen Nährstoffe?

Wo es notwendig und ökologisch sinnvoll ist, verbessern wir gezielt die Ausgangsbedingungen mit natürlichen Materialien. Verdichtete Böden können beispielsweise gelockert und ihre Fähigkeit verbessert werden, Wasser und Luft aufzunehmen. Dabei gilt: Nicht jeder Boden muss „verbessert“ werden. Entscheidend ist, die natürlichen Eigenschaften des jeweiligen Standortes zu verstehen und zu berücksichtigen.

2. Welcher Wald gehört an diesen Standort?

Nicht jeder Baum wächst überall gleich gut – und nicht jede Baumart gehört an jeden Standort. Ausgangspunkt unserer Pflanzplanung ist deshalb die Frage, welche Waldgesellschaft sich unter den natürlichen Bedingungen des jeweiligen Standortes langfristig entwickeln könnte. Wir verwenden heimische und standorttypische Arten und berücksichtigen die unterschiedlichen Stockwerke des späteren Waldes: größere Bäume, kleinere Baumarten sowie Sträucher und Unterholz. So entsteht keine der in unseren Nutzwäldern üblichen Plantagen aus wenigen Baumarten, sondern eine vielfältige Pflanzengemeinschaft. Je nach Standort können dabei 20 oder mehr verschiedene Gehölzarten zusammenkommen.

3. Warum stehen die Pflanzen so dicht?

Ein besonderes Merkmal der Miyawaki-Methode ist die hohe Pflanzdichte. Typischerweise werden etwa drei junge Gehölze pro Quadratmeter gepflanzt.

Das wirkt zunächst ungewöhnlich. Die Nähe der Pflanzen ist jedoch ein entscheidender Teil des Konzepts. Die jungen Bäume und Sträucher konkurrieren um Licht und Raum und wachsen dadurch viel schneller. Dadurch entsteht schnell ein geschlossenes Pflanzengefüge: Der Boden wird beschattet, ein eigenes Mikroklima entwickelt sich und die verschiedenen Arten wachsen gemeinsam zu einem autarken jungen Wald heran. Dabei ist von Anfang an einkalkuliert, dass langfristig nicht jeder einzelne Setzling zu einem großen Baum wird. Welche Pflanzen sich durchsetzen, entscheidet die Natur für diesen Standort selbst.

4. Wie bleibt die Feuchtigkeit im Boden?

Nach der Pflanzung wird der Boden mit einer Mulchschicht bedeckt. Sie schützt den Boden vor direkter Sonneneinstrahlung, reduziert die Verdunstung und hemmt in der ersten Entwicklungsphase stark wachsende Konkurrenzvegetation. Gleichzeitig entsteht unter dem Mulch ein geschützter Lebensraum für zahlreiche Bodenorganismen. Das Ziel ist ein Wald, der möglichst schnell ohne zusätzliche Bewässerung auskommt.

Bei vielen unserer bisherigen Pflanzungen war tatsächlich nur am Pflanztag eine Bewässerung notwendig. Ob zusätzliche Bewässerung erforderlich ist, hängt jedoch immer vom Standort und insbesondere von längeren Trockenperioden ab.

Miyawaki-Methode praktisch angewendet im ersten Miywakiwald Deutschlands in Bönningstedt

Woher kommt die Miyawaki-Methode?

Die Methode geht auf den japanischen Pflanzensoziologen Prof. Dr. Akira Miyawaki (1928–2021) zurück. Miyawaki beschäftigte sich intensiv mit der Frage, welche Vegetation sich an einem Standort ohne dauerhafte menschliche Eingriffe entwickeln würde. Eine wichtige Grundlage seiner Arbeit war dabei das Konzept der potenziellen natürlichen Vegetation, mit dem er sich unter anderem während seiner wissenschaftlichen Arbeit in den 70er Jahren in Deutschland auseinandersetzte. Aus diesen Erkenntnissen entwickelte er einen Ansatz zur Wiederherstellung naturnaher Wälder mit heimischen und standorttypischen Gehölzen. Seine Entwicklung veröffentlichte er unter dem Titel „Native Forests by Native Trees“ – der Miyawaki-Methode. 
Insbesondere in Asien wurden nach dem Miyawaki-Prinzip zahlreiche Wälder angelegt. International größere Aufmerksamkeit erhielt die Miyawaki-Methode später unter anderem durch den indischen Ingenieur Shubhendu Sharma, der das Konzept auf kleine und urbane Flächen übertrug und mit seinem Projekt Afforest ab 2011 weltweit bekannt machte.
Auch in Europa entstanden erste Forschungs- und Modellprojekte nach der Miyawaki-Methode. In Europa wurde 1997 in Italien der erste Miyawakiwald zu Forschungszwecken auf Sardinien gepflanzt. 2015 wurde in Zaandam der erste Tiny Forest in den Niederlanden gepflanzt.
Den ersten deutschen Miniwald nach der Miywaki-Methode haben wir 2019 in Bönningstedt bei Hamburg gepflanzt. Seitdem konnten wir selbst beobachten, wie aus einer dicht bepflanzten Fläche innerhalb weniger Jahre ein kleiner Wald entsteht. Genau diese Entwicklung begeistert uns bis heute.

Miyawakiwald in Quickborn

Häufige Fragen zur Miyawaki-Methode

Können wir eine Pflanzliste bekommen?

Natürlich – aber nicht die eine Miyawaki-Pflanzliste. Denn genau das würde einem wichtigen Grundgedanken der Methode widersprechen. Ausgangspunkt ist immer die Frage, welche Waldgesellschaft sich am jeweiligen Standort unter natürlichen Bedingungen langfristig entwickeln könnte. Schon innerhalb weniger Kilometer können sich die Bedingungen erheblich verändern. Bodenart, Bodenfeuchtigkeit, pH-Wert, Klima, Höhenlage und regionale Vegetation spielen bei der Auswahl eine Rolle. Deshalb stellen wir die Pflanzenauswahl für jede Fläche individuell zusammen.

Es überleben doch nicht alle Setzlinge. Ist das keine Verschwendung?

Nein – denn die hohe Pflanzdichte gehört zum Prinzip. Die Pflanzen konkurrieren von Anfang an um Licht und Raum. Dadurch entsteht schnell ein dichter Bestand und der Boden wird zunehmend durch die Vegetation geschützt und beschattet. Nicht alle Pflanzen werden sich dabei langfristig durchsetzen. Abgestorbene Pflanzen verschwinden jedoch nicht einfach aus dem Ökosystem. Ihre Biomasse wird zersetzt, Nährstoffe gelangen zurück in den Kreislauf und Totholz bietet Lebensraum beispielsweise für Pilze und Insekten. Vor allem aber findet eine natürliche Auswahl statt: Mit zunehmendem Alter setzen sich diejenigen Individuen und Arten durch, die mit den konkreten Bedingungen des Standortes besonders gut zurechtkommen. Aus vielen jungen Pflanzen entwickelt sich so nach und nach ein stabiler angepasster Wald.

Ist ein Tiny Forest pflegeintensiv?

Vor allem am Anfang braucht ein junger Miniwald Aufmerksamkeit. In den ersten zwei bis drei Jahren entfernen wir bei Bedarf stark konkurrierende Vegetation, kontrollieren den Wildschutzzaun und bewässern bei außergewöhnlicher Trockenheit. Auf öffentlich zugänglichen Flächen gehört leider gelegentlich auch das Einsammeln von Müll dazu. Mit jedem Jahr verändert sich das Verhältnis. Die Gehölze werden größer, die Kronen schließen sich, der Boden wird stärker beschattet und der Wald entwickelt zunehmend sein eigenes Mikroklima. Eine dauerhafte Pflege ist nicht notwendig, sondern genau das Gegenteil: Nach ungefähr drei Jahren ist der Wald autark und braucht uns nicht mehr.

Und wie sieht es mit der langfristigen Pflege aus?

In Europa fehlen uns dafür noch die Erfahrungen. Aufgrund der Erfahrung mit älteren Wälder in andern Ländern gehen wir davon aus, dass ein typischer Miyawaki-Wald mit weniger als 400 Quadratmetern weniger aufwendig ist als die Pflege von 2 Solitärbäumen.

Ist ein Miyawaki-Wald teuer?

Das hängt vor allem vom Standort ab. Eine Fläche mit lockerem, gutem Boden benötigt erheblich weniger Vorbereitung als ein verdichteter ehemaliger Parkplatz oder eine stark veränderte innerstädtische Fläche. Bei unseren bisherigen Miniwäldern lagen die Gesamtkosten pro Quadratmeter zwischen 5 und 10 Euro. Interessant wird der Vergleich insbesondere im städtischen Raum. Dort sind Pflanzung und mehrjährige Entwicklungspflege einzelner großer Straßen- oder Solitärbäume häufig mit höheren Kosten als für einen kompletten Miyawaki-Wald verbunden. Ein Miniwald verfolgt allerdings auch ein anderes Ziel: Statt eines einzelnen Baumes entsteht auf derselben Fläche ein kleines, vielfältiges Ökosystem.

Was bringt so ein kleiner Wald gegen den weltweiten Klimawandel?

Ein einzelner Miniwald wird den Klimawandel nicht aufhalten. Auch tausend Quadratmeter Wald verändern die globale CO₂-Bilanz nicht entscheidend. Aber das ist nur ein Teil der Wirkungen eines Tiny Forest. Denn ein Wald wirkt genau dort, wo er wächst. In Städten können Bäume Schatten spenden und ihre Umgebung durch Verdunstung kühlen. Vegetation und Boden können Niederschläge besser aufnehmen und damit einen Beitrag zum Prinzip der Schwammstadt leisten. Gehölze Staub, schützen und entwickeln den Boden und schaffen Lebensräume für Pflanzen, Tiere, Pilze und andere Organismen. Gerade viele kleine Waldflächen können außerdem zu Trittsteinen eines größeren Biotopverbundes werden. Und es gibt noch eine Wirkung, die sich schwer in Zahlen ausdrücken lässt: Menschen pflanzen diesen Wald gemeinsam. Kinder erleben, wie aus einem kleinen Setzling ein Baum wird. Nachbarschaften übernehmen Verantwortung für eine Fläche. Und ein Ort, der vorher vielleicht nur eine Rasenfläche war, verändert sich jedes Jahr sichtbar. Deshalb betrachten wir einen Miniwald nicht nur als eine Ansammlung von Bäumen. Er ist ein kleines Stück Natur, das mit jedem Jahr ein bisschen mehr auf eigenen Beinen steht. Wer erleben möchte, was damit gemeint ist, ist herzlich eingeladen, bei einer unserer Pflanzaktionen selbst einen Setzling auf seinen Weg zu bringen.

Wirkungen von Miyawaki-Wäldern

Falls ihr einmal einen Wald in natura sehen wollt, der nach der Miyawaki-Methode gepflanzt wurde, könnt ihr euch in Bönningstedt bei Hamburg den ersten Miyawaki-Wald Deutschlands ansehen. Meldet euch gerne bei uns und wir zeigen euch wie beeindruckend ein kleiner Wald sein kann.